Ich war ein Heimkind

Schuld oder Unschuld... Anleitung wie man einem Kind den Weg in ein Kinderheim bereitet

 

 

 

 

 

       

   

Meine Laufbahn als Heimkind begann bereits im Alter von 6 Wochen. Damals, 1971, noch in einer Säuglingsstation, weil sich meine “Mutter” wiederholt nicht an Gesetze halten konnte und wegen “verbrecherischem Diebstahl” die Gefängnismauern von innen sah.

An diese Zeit erinnere ich mich nicht.

Ich war wohl auch zwischendurch mal ein dreiviertel Jahr bei meiner Mutter, welche aber rückfällig wurde und abermals in Haft kam. Meine Großmutter erzählte damals, sie wäre im Krankenhaus.

Ich kam in das Vorschulheim “Wilhelmshof” in Meißen. Mein Halt waren damals meine Schwester, die ich irgendwie wie eine Mama sah, obwohl sie grad ein Jahr älter als ich war, und meine Großmutter, die uns an den Wochenenden nach Hause holte.

Ansonsten erinnere ich mich nur noch an die Angst vor der Nacht damals. Eine Nachtwache drangsalierte uns Kinder, wir waren gerade mal im Alter von 3-6 Jahren. Wenn wir kurz mit den Augen blinzelten mussten wir aufstehen und in der Ecke stehen, oder Kniebeuge machen. Viel mehr wirkliche Erinnerungen habe ich nicht mehr, da ich wohl auch in einer Art Schockzustand war (hier nachzulesen) und viele Sachen verdrängt habe.

Meine Mutter blieb jedenfalls sehr lange im “Krankenhaus”.

Diese Tatsache und das bei ihr wohl keine Aussicht auf Besserung bestand, bewegte die damalige DDR-Jugendhilfe dazu, mich und meine Schwester von Amts wegen zur Adoption frei zu geben. Dies geschah dann auch im Herbst 1976. Zuerst meine Schwester und danach ich.

Ich kam zu neuen Eltern nach Dresden.

Man könnte nun meinen, Ende gut alles gut, doch weit gefehlt.

Meine Adoptiveltern ließen sich nach 1 Jahr scheiden, weil der Versuch, ihre Ehe mit einem Kind zu retten, kläglich scheiterte. Meine Adoptivmutter wollte mich gern zurück ins Heim geben, weil sie keine Muttergefühle für mich entwickelte, mein Vater jedoch hing an mir, wie ich an ihm. Ich blieb bei meinem Adoptivvater, der sich liebevoll um mich kümmerte und immer um mein Wohl besorgt war.

 Dies bewegte ihn sicher unter anderem auch neu zu heiraten und mir eine neue Mutter zu geben. Die quasi dritte Mutter in meinem gerade mal 7 Jahre altem Leben. Nun, mit einer Mutter konnte ich wohl nichts anfangen, wie sich im Erwachsenenalter und nach etlichen Therapiestunden herausstellte. Das konnte ich damals natürlich nicht wissen, aber unbewusst lehnte ich auch diese Mutter ab. Ich mochte ihre Art nicht, sie meine auch nicht. Es gab ständig Nörgelein an mir, Verbote und Bestrafungen für mich.

 Ich erinnere mich z.B. daran, dass ich mit 7 Jahren plötzlich wieder zum Bettnässer wurde. Ich weiß nicht, ob man es damals nicht besser wusste, aber kann man mit Kohlen im Nikolausstiefel Bettnässen heilen?! Bestimmt, denn irgendwann hörte ich damit auf, was auch daran gelegen haben kann, dass meine Stiefmutter in dieser Zeit eine Weile verreist war.

Wohl fühlte ich mich jedenfalls nur, wenn sie nicht da war und ich mit meinem Vater allein war.

Dieser starb jedoch 1983 im Alter von 32 Jahren. Ich war 11 und stand unter Schock. Ich fühlte mich plötzlich wieder ganz allein auf dieser Welt. Er war alles für mich und er war in meinem bisherigen Leben der Einzige, der mich auf eine längere Zeit begleitet hatte. Meine Trauer war unendlich. Kraft und Halt gaben mir in dieser Zeit nur meine Großeltern, die Eltern meines geliebten Vaters.

Ansonsten war ich nun allein mit meiner Stiefmutter. Ich hatte kein wirklich gutes Leben mit ihr. Sicher, ich hatte Essen, ich hatte Sachen zum anziehen, aber das wirklich wichtige, Liebe, Anerkennung und Geborgenheit fand ich bei ihr nicht. Ich war irgendwie nur die Tochter ihres verstorbenen Mannes, eben die Stieftochter.

In dieser Zeit ging es mit mir abwärts. Sie war wohl mit mir allein überfordert. Schläge gegen mich waren das einzige Argument, was sie mir entgegen bringen konnte. Ich konnte nichts mehr richtig machen. Meine schulischen Leistungen gingen den Bach runter, ich fing an zu klauen. Sogar Zigaretten, obwohl ich gar nicht rauchte. Die Strafe… natürlich Schläge. Gespräche mit ihr? Daran kann ich mich nicht erinnern.

Ich weiß nicht von welcher Seite der Antrag auf Heimeinweisung kam, aber im Februar 1985 fand ich mich im Spezialkinderheim Weißwasser wieder.

Fortsetzung folgt...